ceramic2 - Harald Haeuser

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Sammlung Grassi Museum Leipzig

Harald Häuser – LOVE LETTERS. Das Entstehen der Schrift

Ausstellung Kornhaus Galerie Weingarten, Vernissage 6. April 2014, 11 Uhr

RedeText

Harald Häuser hat seine Ausstellung mit LOVE LETTERS überschrieben. So weit so gut. Da ist
aber noch dieser Untertitel: Das Entstehen der Schrift. Das liest sich eher wie die Einladung zu
einem Linguistikseminar als zu einer Vernissage. Überhaupt, was haben Liebesbriefe und die
Entstehung der Schrift mit einander zu tun? Solche Angelegenheiten werden normalerweise auf
ganz unterschiedlichen Ebenen diskutiert. Weshalb will uns ein Künstler, der eigentlich
Bildsprachen entwickeln sollte, mit Schrift und entwicklungsgeschichtlichen Grundsatzfragen
konfrontieren?
Jetzt ist systematisches Anpirschen gefragt.
Was wir auf den ersten Blick sehen, sind Acryl-Gemälde hier, Graphit- und Tuschezeichnungen
da, keramische Gebilde wie Teller, Vasen und Halbkugeln kommen dazu.
Auf den Oberflächen dieser Darreichungsformen scheint sich in etwa immer das gleiche
abzuspielen. Mit auffällig grafischem Duktus wuseln und winden sich relativ chaotisch
anmutende Formverläufe auf den jeweiligen Bildträgern. Sie bilden im Allgemeinen dynamische
Gruppen von offenen Formzellen mit Andockstellen. Vieles ist figürlich, cartoonartig und
ornamenthaft. Alles erscheint in einem hohen kalligrafischen Duktus.
Die Fernsicht legt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Chiffren um einen einheitlichen und
gewollten Schriftverlauf handeln könnte, dessen Grafik sich zwar ästhetisch erschließen lässt,
aber dessen Bedeutung uns verschlossen bleibt. Eine Schrift ohne verbindlich decodierbare
Semantik kann sich in einer hohen Deutungssicherheit, wenn überhaupt, nur dem Urheber
erschließen. Schriftlogische Mittel – wie Buchstaben, Morpheme, Wörter, Sätze – sind nicht
auszumachen. Die Betrachter sind auf ihre Deutungstoleranz angewiesen.
Schrift ist im allgemeinen der ins grafische Bild übersetzte Sprachschall. Sie folgt der gleichen
grammatikabhängigen Logik wie die akustisch vorgebrachte Sprache. Nur – Schrift wendet sich
an das Auge, Sprache an das Gehör. Das Gehirn kann nun aus beiden Sinnesebenen den selben
Inhalt ableiten. Je bildlicher, je metaphorischer Sprache wird, um so schwieriger wird es mit der
Eindeutigkeit. Poetik und Lyrik –wir wissen es – leben davon.
Harald Häuser hält sich an keine der Regeln, welche die weltweit unterschiedlichen
Schriftsysteme vereinbart haben, um Kommunikationsfähigkeit zu garantieren.
Er lässt sich grafisch auf das ein, was man auf der akustischen Sprachebene mit dem Begriff
Glossolalie umschreibt. Darunter ist eine offenbar alogische, semantikfreie Zungensprache
gemeint, die es in der Vergangenheit gelegentlich bis zu hieratisch verehrten Äußerungen
gebracht hat. Altgriechische Orakelgrößen haben sie schon gekannt. Im Neuen Testament werden
solche Begabungen immer wieder erwähnt und nobilitiert. Diese Zungensprache entsteht nicht
durch einen Denkakt, sondern durch ein höheres Etwas, das die sprechende Person als Sprachrohr
für sich einsetzt. Der glossolalierende Mensch ist so gesehen so etwas wie ein Durchlauferhitzer
für göttliche Anliegen in verklausulierter Form.
Die Moderne hat aus diesem glossolalieauslösenden, höheren Etwas das Unbewusste und das
Unterbewusste gemacht und es damit auf ein psychologisierendes Dada-Niveau herunter
formatiert.
Parallelen zum Phänomen Zungensprache können dabei helfen, Harald Häusers grafischen
Ansatz besser zu verstehen. Das heißt allerdings nicht, dass er reine Glossografie betreibt.
Der Künstler schickt den motorischen Impuls des Unbewussten nicht zur artikulationsfähigen
Zunge, um Sprechsprache zu erzeugen. Er leitet den Impuls seines Unterwusstseins direkt in die
schriftausführende Hand und reflektiert sein Resultat während des Zeichenvorgangs. Handschrift
mal ganz anders, Handschrift fast frei von rationalen Filtern.
Wie zu erwarten, ist das Resultat des so gezeichneten eine Schrift, die allein dem
Hervorbringenden gehört und damit personale Authentizität beanspruchen kann. Der Künstler hat
sie in einem gestalterischen Vorgang erfunden. Sie ist keine Schrift, die als Sprachangebot
funktionieren kann. Es bleibt eine Schrift, die in jedem einzelnen Fall einer situativen Grafik
entspricht.
Damit hält sich Harald Häuser in der surrealistisch-informellen Experimentierzone der Vertreter
der écriture automatique auf. Diese jedoch hatten das automatische Schreiben vorwiegend an
bestehende Schriftsysteme gekoppelt. Im Grunde wollten sie mit dem Einsatz von
Zufallsparametern die Syntax jeweils neu mischen und so kuriose Bedeutungszusammenhänge
schaffen. Die écriture automatique spielte sich seit den 1920er Jahren also eher im Umfeld
poetischer, nach-dadaistischer Umtriebe ab, die vor allem hochdosierte Poesien mit paradoxem
bis absurdem Anspruch im Sinne hatte.
Harald Häuser hingegen entwickelt seine Schrift aus den schriftsystemfreien Vorbedingungen
von Syntax und Semantik. Es ist eine Schrift, die in einem konzentrierten Zeitfenster in den
Bildtext führt und aus einer meditativen Haltung heraus einem grafischen Prozess folgt, der nur
noch anteilig kopfgesteuert ist, also weitestgehend intuitiven Impulsen folgt.
Die einzige Vorgabe durch die Ratio besteht in einem festzulegenden Grundmodus der
individuierten Schrift. Die Maxime dazu könnte etwa so lauten: Schreibe einen Text! Beginne in
einem Punkt A und erreiche Punkt B, indem du Konkaves und Konvexes, Positiv- und
Negativformen, so miteinander verschaltest, dass sie automatisch den gerade sich artikulierenden
Bildtext verschriften!
Wer seine eigenen Schriftzeichen sich auf diese Weise entwickeln lässt, übersetzt als
Seismograph seiner Selbst automatisch seine emotionale Befindlichkeit in das grafische Medium,
entwirft so eine immer wieder aufs Neue hin aktualisierte Grammatik des inneren Zustandes,
ähnlich wie es eben die Glossolalie auf der Hörebene regelt und ähnlich wie es der
Ausdruckstanz auf der gestisch-choreografischen Ebene leistet.
Das Entstehen der Schrift. Langsam wird deutlich: Harald Häuser meint mit ›Entstehen‹ nicht die
Suche nach dem zeitlichen Ursprung, der in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu
suchen wäre. Er fragt nicht nach den anthropologischen, biologischen und
mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen für einen Anfang von Schrift. Harald Häuser entwirft
vielmehr die Idee, dass jeder Mensch in der Lage sein kann, Schrift in einem meditativen Prozess
selbst entstehen zu lassen und damit einen veräußerten Text bereitstellt, über den wie auch immer
reflektiert werden kann. Ein solches Entstehen der Schrift, ein solches individuelles Auf-den-
Weg-Bringen ist also so etwas wie ein Auslassventil für ein nicht genauer benennbares Potenzial,
das in den Zustand seiner Vorverschriftung drängt. In Kombination mit den offiziell deutbaren
Zeichenhaushalten von Sprache und Schrift ist nun – wenn man will – der Weg offen für eine
breit gefächerte Auslegung durch die Betrachter. Das unbewusste Innere hat sich nach außen in
die Bearbeitbarkeit entfaltet, es ist explizit geworden.
Harald Häuser hat für sich einen Modus der Entstehung der Schrift gefunden und diesen zum
Personalstil seines künstlerischen Schaffens gemacht. In hintereinander geschalteten minimalen
Elementgestalten entwickelt er seine grafischen Assoziationsketten zu Bildtexten; mal
figurativer, mal floraler, mal abstrakter, im Großen und Ganzen aber organisch. Das Wort
Handschrift bekommt jetzt eine zusätzliche Bedeutung. Nicht mehr der Duktus allein ist gemeint,
sondern der unverstellte, seelisch-manuelle Prozess, also das Entstehen selbst. So funktioniert das
Gesamtbild nicht nur als Text, sondern als jeweiliges Bewegungsprotokoll eines ins Bild geholten
inneren Zustandes.
Was ist schöner, als die Ergebnisse dieses Verschriftungsprozesses LOVE LETTERS zu nennen?
Doch eine Frage zum Schluss soll nicht ungestellt bleiben.
Warum überträgt Harald Häuser seine überschneidungsfreien Labyrinthstudien zur Entstehung
der Schrift nicht allein auf ebene Bildträger wie Zeichenpapier und Leinwand? Was hat es für
einen Sinn, auch sphärische Malgründe wie etwa Vasen und Schalen zu wählen? Wie Sie sich
denken können, geht es hier nicht um eine Laune des Künstlers, sinnfrei das Medium zu
wechseln.
Die Verwendung von Keramik ist so etwas wie ein augenzwinkerndes Erinnern an die
entwicklungsgeschichtliche Seite der Schrift. Tontafeln und Scherben waren schließlich die
ersten Bildträger für Geschriebenes.
Harald Häuser verbindet damit auf der Materialebene die Tatsache der Entstehung der Schrift mit
der Tatsache des Entstehens von Schrift.
Dr. Herbert Köhler (aica)
Kunst- und Kulturpublizist

 
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