III - Harald Haeuser

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III

"Im Ozean der Bildschrift" - Artikel von Harald Ruppert - Südkurier 2012 (siehe unten)

"Die Zeitenwaage" 2012 (110 cm x 150 cm)

Harald-Häuser-Retrospektive bei Holbein in Lindau

Zum siebten Mal stellt Harald Häuser in der Galerie Holbein in Lindau aus, und diesmal zeigt er
eine Retrospektive, die, das läßt sich sagen, eine künstlerische Biografie schreibt.
Eine Biografie blickt zurück und versucht das Damals aus der Warte des Heute zu deuten und eine
Verbindungslinie zu ziehen. Bei Harald Häuser lässt sie sich schon von der frühesten Arbeit aus
dem Jahr 1974 ziehen; der Künstler war damals 17 Jahre alt. Das Bild weist skripturale Elemente
im weitesten Sinne auf – Drippings, die noch keine Syntax haben und doch die Anfänge seiner
späteren Handschrift sind, in der sich Schrift und Bild durchdringen.
Der besondere Reiz der Bildschrift Häusers besteht im Übergang von abstraktem Zeichen und
konkreter Darstellung; und darin, dass der Künstler hier einerseits einen automatisch ablaufenden
Prozess ins Werk setzt, andererseits aber bewusst gestaltet. Anders als das automatische Schreiben
der Surrealisten, in dem die Bewegung der Hand der bewussten Lenkung durch den Kopf
zuvorkommen will, bezieht Häusers automatisches Zeichnen den Kopf mit ein – und liefert sich
ihm doch nicht aus.
Harald Häuser bezeichnet sein Zeichnen, das in seinen neuesten Bildern zu besonders pflanzenhaftorganischen
Gebilden wächst, als eine Art Zen-Meditation. Im Zen kommen Gegensätze zur
Deckung – man denke an jenen Bogenschützen, der sein Ziel trifft, indem er die Augen schließt.
Ähnlich folgen Häusers Zeichen einer blinden Automatik und sind doch bewusst gestaltet.
Harald Häuser ist aber auch ein Forscher. 1980 unternahm er, der bis heute Globetrotter geblieben
ist, seine erste Reise nach Indien und stieß dort auf einen ihm völlig fremden Schriftcode, auf den er
zeichnerisch reagierte. „Man malt, um etwas zu verstehen“, sagt er heute. Das macht sein
automatisches Zeichnen auch zur praktizierten Erschließung des Fremden, wobei er wiederum
Zeichenspuren hinterlässt, die uns fremd erscheinen können und erschlossen werden wollen.
Erschließung heißt aber nicht Ausbeutung durch Decodierung, sondern Einfühlung in die
Gleichzeitigkeit von Schrift und Bild. Harald Häusers Bildschrift ist prinzipiell endpunktlos, und
das macht sie zu einer Art unerschöpflichen Rorschach-Test. Zum Unabgeschlossenen bekennt sich
Harald Häusers Malerei heute anders als noch vor zehn Jahren.
Damals schwammen die Bildzeichen auf der Leinwand, wogten auf ihr wie auf einem Ozean, der
sich jenseits der Bildränder weiterzieht, bis zum Horizont. Diese schwarmhaften Zeichen, die auch
etwas von einer Invasion hatten, sind in den neuesten Bildern nun aufgelockert; sie füllen nicht
mehr den Bildraum, und daraus spricht hinzugewonnene Gelassenheit. Der Gelassene weiß: Wer
aus dem Unabschließbaren schöpft, schafft mit dem Wenigen nicht weniger als mit dem Vielen.
Der Gelassene kann es sich aber auch leisten, zur Blöße der Kindlichkeit zurückzukehren, in der er
sich angreifbar macht. Bei Harald Häuser ist dies in einem vereinzelt auf den Farbschwüngen
stehenden Segelschiff zu erkennen: Eine klare, vereinzelt stehende Form, separiert von den
nebenstehenden virtuos-komplexen Zeichenketten. Das Schiff als klare Form erscheint naiv in
Konkurrenz zu diesen Girlanden, die in ihren Zusammenhängen von Positiv- und Negativformen
These und Antithese zugleich sind. Sie scheuen die Behauptung, sind immer im Fließen begriffen;
ein Fließen, das sie selbst inszenieren und dem Harald Häuser nun zu vertrauen scheint, durch die
Setzung des Schiffes.
Es kann als Metapher des Getragenseins gelesen werden, und des Bewusstseins einer Bewegung,
die nicht in die Irre führt, sondern einer Zielrichtung des Ankommens folgt, an welchen Ufern auch
immer es sich ereignen mag.


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