7 - Harald Haeuser

Direkt zum Seiteninhalt







"Summerfield" - (the days we still had water)
110x110, 2014
Dr. Herbert Köhler - Zitat aus dem Redetext - Städtische Galerie Weingarten - (copyright)

"....Die Fernsicht legt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Chiffren um  einen einheitlichen und gewollten Schriftverlauf handeln könnte, dessen  Grafik sich zwar ästhetisch erschließen lässt, aber dessen Bedeutung uns  verschlossen bleibt. Eine Schrift ohne verbindlich decodierbare Semantik kann sich in einer hohen Deutungssicherheit, wenn überhaupt, nur dem Urheber erschließen. Schriftlogische Mittel – wie Buchstaben,  Morpheme, Wörter, Sätze – sind nicht auszumachen. Die Betrachter sind auf ihre Deutungstoleranz angewiesen.

Schrift ist im allgemeinen der ins grafische Bild übersetzte Sprachschall. Sie folgt der gleichen grammatikabhängigen Logik wie die akustisch vorgebrachte Sprache. Nur – Schrift wendet sich an das Auge, Sprache an das Gehör. Das Gehirn kann nun aus beiden Sinnesebenen den selben Inhalt  ableiten. Je bildlicher, je metaphorischer Sprache wird, um so schwieriger wird es mit der Eindeutigkeit. Poetik und Lyrik – wir wissen  es – leben davon.

Harald Häuser hält sich an keine der Regeln, welche die weltweit unterschiedlichen Schriftsysteme vereinbart haben, um Kommunikations- fähigkeit zu garantieren. Er lässt sich grafisch auf das ein, was man auf der akustischen  Sprachebene mit dem Begriff Glossolalie umschreibt. Darunter ist eine offenbar alogische, semantikfreie Zungensprache gemeint, die es in der ergangenheit gelegentlich bis zu hieratisch verehrten Äußerungen gebracht hat. Altgriechische Orakelgrößen haben sie schon gekannt. Im Neuen Testament werden solche Begabungen immer wieder erwähnt und nobilitiert. Diese Zungensprache entsteht nicht durch einen Denkakt,  sondern durch ein höheres Etwas, das die sprechende Person als  Sprachrohr für sich einsetzt. Der glossolalierende Mensch ist so gesehen so etwas wie ein Durchlauferhitzer für göttliche Anliegen in verklausulierter Form.
Die Moderne hat aus diesem glossolalieauslösenden, höheren Etwas das Unbewusste und das Unterbewusste gemacht und es damit auf ein psychologisierendes Dada-Niveau herunter formatiert.

Parallelen zum Phänomen Zungensprache können dabei helfen, Harald Häusers  grafischen Ansatz besser zu verstehen. Das heißt allerdings nicht, dass er reine Glossografie betreibt.
Der Künstler schickt den motorischen Impuls des Unbewussten nicht zur artikulationsfähigen Zunge, um Sprechsprache zu erzeugen. Er leitet den  Impuls seines Unterwusstseins direkt in die schriftausführende Hand und reflektiert sein Resultat während des Zeichenvorgangs. Handschrift mal ganz anders, Handschrift fast frei von rationalen Filtern. ...."


50x100, 2014
Zurück zum Seiteninhalt