9 - Harald Haeuser

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9

145 cm x 105 cm


Sie glitt durch den funkelnden Sternenhimmel - schimmerndes, wirbelndes Bernstein: Scharlachrot breitete sich aus; es leuchtete erst hell, dann dunkel, immer dunkler und versetzte sie in schnelle Drehungen; sie drehte sich in ein so tiefes, so rasantes, so strahlendes Violett, daß es Amanda den Atem nahm. Die Tänzerin dort oben ... tausend Sterne leuchteten aus ihren Augen, um ihre Schenkel kreisten Galaxien [...]. Vorsicht! Sie trifft dich mit Hitze, sie trifft dich mit Licht: zuckendes Licht, das bannt und dich mit seiner Schönheit blendet.
(Carol Hill, Amanda. The Eleven Million Mile High Dancer)

Fenster in den Hyperraum: Häusers Entgrenzungen

Harald Häusers Bilder sind abstrakt und farbstark. Dem Freund vertrauter Szenen kommen sie nicht entgegen; leicht identifizierbare Formen wird er vergeblich suchen und unter Umständen irritiert reagieren. Diese noch immer weitverbreitete Irritation angesichts abstrakter Kunst entspringt einer Seh- und Denkweise, die ausschließlich den täglich wahrgenommenen, winzigen Anteilen der Oberfläche unseres winzigen Planeten verhaftet ist. Ein paar Kilometer nach innen oder nach außen, und das so verunsichernde, sogenannte Nichts ist schon da: amorphe Massen wabern in fremdartigen Räumen, wo die Materie, das Licht und das Dunkel nicht mehr den gewohnten Regeln folgen. Manche Künstler ziehen solches Terrain vor. Gefragt ist dann die Bereitschaft zu einem geistigen Sprung, der in das All oder in das eigene Innere führen mag. Harald Häuser hat beides getan - nach manchen quantenphysikalischen und theologischen Theorien ist es ohnehin ein und dasselbe -, und wenn man seiner Kunst näherkommen will, muß man willens sein, den Sprung nachzuvollziehen. Häusers Auf- und Durchbrüchen, seinen durch die Überlagerung zahlreicher Farbschichten entstandenen tiefen Räumen, die von Jürgen Wittstock mit barocken Himmeln assoziiert werden, liegt nicht nur eine Sprengung gewohnter Formen zugrunde, sondern vielmehr eine Sprengung der engen Grenzen unseres alltagsverhafteten Denkens und Fühlens.

O, höchste Trompete voll fremden Schrillens, Durchquerte Stillen der Welten und der Engel, - O Omega, violetter Strahl Seiner Augen!
(Arthur Rimbaud, „Voyelles/Vokale")


Die letzte Strophe von Rimbauds Gedicht vereint das Wort, den Klang fremdartiger Musik, Reisen durch ferne Welten, das Transzendente, und nicht zuletzt eine machtvolle Farbe. Und damit befindet man sich schon mitten in Harald Häusers Kunst. Dieses synästhetische Empfinden, das Ineinanderfließen verschiedener Sinneseindrücke, ist für die Entstehung und die Aussage seiner Werke von elementarer Bedeutung:
Er verwendet neben dem Bild gerne die Gedichtform, um die Verschmelzung mehrerer sinnlicher Impressionen auszudrücken. Bild und Klang gehören für ihn, wie sich gleich zeigen wird, zusammen. Gereist ist er viel, durch Asien und in den USA, und der Titel der Ausstellung verweist auf noch fernere Welten, auf astrophysische Phänomene unseres Universums. Das Transzendente läßt sich auch ohne entsprechenden Hinweis durch einzelne Titel in seinen Bildern ahnen. Daß schließlich die Farbe für sein Werk eine essentielle Rolle spielt, ist offensichtlich.
Sehr ergiebig ist im Hinblick auf diese Zusammenhänge das Titelbild, „The Purple Lense". Auf den ersten Blick meint man, Rimbauds violetten, göttlichen Augenstrahl, der auf die letzten Dinge verweist, dort visualisiert zu sehen. Der Gedanke an fremde Klänge folgt unmittelbar darauf, denn die Farbe jener im All schwebenden Linse ist, wenn man es englisch formuliert, als „Deep Purple" zu bezeichnen, was für den Kenner der gleichnamigen Gruppe einen bestimmten pulsierenden Rhythmus wachruft. Und damit nicht genug. „Die Schwerkraft des Lichts" hat der Künstler die Ausstellung genannt, ein Hinweis auf eine weitere, kosmische Deutung der „Purple Lense": man kann sie auch als ganz reale Gravitationslinse auffassen, als ferne Galaxie, deren Schwerkraft Licht anderer Objekte beugt, bündelt oder spaltet, so daß faszinierende optische Effekte auf gigantischer Ebene entstehen. Derlei Assoziationen drängen sich geradezu auf, wenn man Maximen Häusers wie „Jeder Malprozeß, der funktioniert, ist analog zu den Weltgesetzen" in Betracht zieht. Immer wieder wird von ihm eine Brücke zwischen dem individuellen Ich und dem Universum geschlagen und beschriften.

Ich sehe dieses Universum und bin das Universum, das sich ansieht.
Die hauchdünne Netzhaut des Universums, die sich selbst ansieht -
das sind wir.
(Ernesto Cardenal, Canticó Cósmico/Gesänge des Universums V)

Unter diesen Voraussetzungen wird der Malakt selbst zu einem Ereignis, das die Aufnahmebereitschaft des Künstlers für die Signale un-heimlicher Dimensionen erfordert, dessen Fähigkeit, die Alltagskontrollen seines Ichs zeitweilig zu lockern und dabei gleichzeitig den Ballast erlernter Traditionen abzuwerfen, damit er „das ,wahre' Bild, in dem alle Elemente einem natürlichen Gesetz und nicht geschichtlich entstandenen Normen gehorchen" zu bannen vermag. Häuser beschreibt seine schöpferischen Phasen mit dem Vokabular kosmischer Prozesse, die ihn der Ratio, ja selbst der eigenen Körperlichkeit entreißen und ihn mit den explosiven, unerschöpflichen Energiereservoirs des Alls und seines Inneren kurzschließen:

Zeichnen ist Nicht-Denken. Energie verschleudern aus dem unberührten Potential. Leichterwerden, innerlich zerfallen, um die Außenschichten wegschleudern zu können. Rotierend ins Zentrum, masselos zum Selbst. (Harald Häuser 1979)

Das Wort „Rotation", das auch in einem Bildtitel auftaucht, verweist bereits auf Rhythmik. Häuser vergleicht seine Kunst an anderer Stelle mit dem Kreis Shivas, des indischen Gottes, der, indem er tanzt, Klangwellen des Erwachens aussendet und die Materie zum kosmischen Tanz der Schöpfung, Erhaltung, Vernichtung, Verhüllung und Erlösung im Rhythmus seiner Schritte veranlaßt. Shiva ist alldurchdringende Energie; er tanzt im flammenden Zentrum des Universums ebenso wie im Herzen der Menschen. Der Künstler bedient sich während seines Kreativitätsschubs solcher Energie; er
hört, sieht und fühlt in einem fast meditativen Zustand den Schöpfungstanz und vollzieht ihn gleichzeitig selbst, indem er den Pulsschlag des Universums in Malerei umsetzt. Er erweckt dann mehrere Bildwelten gleichzeitig, übermalt auf dem Boden ausgelegte Leinwände etappenweise mit immer neuen Farbvisionen, läßt junge Welten entstehen und vergehen. Es handelt sich hier wohlgemerkt um kein chaotisches Bersten, das in völlig beliebigen Bildern resultiert. Der Künstler entscheidet ganz bewußt, wann das dynamische Gefüge einer solchen Welt vollendet ist, wann es - oft nach langer Pause - noch der Verbesserung bedarf oder der Vernichtung anheimfällt. Nicht nur der Entstehungsprozeß, auch der Inhalt seiner Bilder kündet vom ewigen, für alles Sein verbindlichen Wechsel von Auflösung und Neuschöpfung, Sterben und Werden, Dunkel und Licht. Themen wie Kreuzigung und Auferstehung, Eros oder Osmose deuten auf diesen Kreislauf hin.

„Es lebt!" rief Alice aus. In ihnen und um sie herum gab es ein
unaufhörliches Fließen von Krümmung und Licht.
„Dies ist das Universum, Alice. Dies ist es."
„Was ist aber mit dem Draußen ... wo wir eben noch gewesen sind?"
„Das ist das Innen", antwortete Vernor. „Das Innere eines jeden
Teilchens."
(Rudy Rucker, Spacetime Donuts/Gödel, Zappa, Rock'n'Roll)

Dem Maler, der all dies im Bild festhalten will, steht nur das Licht zur Verfügung, das alle Farben in sich trägt, und davon wiederum nur der sehr begrenzte Teil, der für uns sichtbar ist. Die Anwesenheit rhythmischer Vibrationen allerdings ist auch ohne Zutun des Künstlers gewährleistet; die Farbwellen des Lichts tanzen selbst, schwingen in unterschiedlich schnellen Frequenzen oder Takten. Häuser versucht, mit einer Vielfalt von Farben das Unfaßbare sichtbar zu machen; die „Purple Lense" wird dann auch das innere Auge des Künstlers, der über Grenzen hinwegsieht und versucht, dem Betrachter eine Ahnung von Räumen jenseits herkömmlicher menschlicher Vorstellungen zu vermitteln. So spielt Häuser beispielsweise gern mit dem kurzwelligen, schnellen, tiefen Violett, das Carol Hills kosmische Tänzerin in schwindelnde Pirouetten versetzt und das sich kurz vor dem Übergang zum Ultraviolett zu befinden scheint: ein Hinweis darauf, daß sich hinter den Pforten unserer Wahrnehmung unendliche Möglichkeiten erstrecken. Und wie die Tänzerin mit Licht fesselt, entwickelt auch das Häuserlicht eine eigene Schwerkraft. Es führt nicht weit, in diesen Bildern nach der eigenen kleinen Welt zu forschen. Es empfiehlt sich, einfach dem Sog zu folgen und in die Farbstrahlung einzutauchen. Der Betrachter, der sich von ihrem leuchtenden Spektrum anziehen läßt, öffnet das Fenster des eigentlich statischen und begrenzten Bildes. Was dahinter liegt, offenbart sich jedem auf eigene Weise und kann von jedem neu erfahren werden.

Dr. Daniela Tandecki - Konrad-Adenauer-Stiftung




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